Ein Eisriese in der Abenddämmerung im Scoresbysund Heute spottet Donald Trump über die „zwei Hundeschlitten“, die Grön- land verteidigen. Andere wiederum halten dagegen: Die Schlittenpa- trouille sei effektiver als Hightech-Helikopter und Satelliten. Denn aus der Luft verschwimmt im endlosen Weiss des Winters jede Spur. Aber am Boden zeichnet sich jede Bewegung ab. Wo Technik an ihre Gren- zen stösst, zählen Instinkt und die stille Ausdauer von Mensch und Hund. Wie auch immer man es dreht: Es stimmt mich nachdenklich, dass wir im 21. Jahrhundert überhaupt um diese Insel ringen. Wir landen direkt neben der kleinen Sirius-Sommerstation auf Ella Ø. Verspielte Hundewelpen stürmen ans Ufer und erobern in Rekordzeit unsere Herzen, bis Sergey, unser Expeditionsleiter, meint, es sei genug gekuschelt, und wir zu unserer Wanderung aufbrechen. Highlight Segelsällskapetsfjord Am Strand des Segelsällskapetsfjords läuft Noee wieder zu Hochform auf. Mit funkelnden Augen erklärt sie uns die Geheimnisse der gestreif- ten Felsen vor uns. Metamorphe Gesteine wie Gneise, Schiefer und Migmatite, über eine Milliarde Jahre alt, treffen hier auf bunte Schich- ten aus Kalkstein, Dolomit und Sandstein. Falten, Überschiebungen und Verwerfungen erzählen von den gewaltigen Kräften der Tektonik. Jeder Fels ein Kunstwerk der Naturgewalt. Während wir am Strand entlanggehen, peitscht die Brandung ans Ufer. Ein steifer Wind bläst durch den Fjord. Vor gut 126 Jahren hätte er wohl ideale Bedingungen für Alfred Nathorst und seine Mannschaft gebo- ten. Die Schweden segelten 1899 hier entlang auf der Suche nach Spu- ren einer der kühnsten und tragischsten Expeditionen der Arktis: dem Ballonflug von Salomon Andrée zum Nordpol. Der „Adler“ war am 11. Juli 1897 in Virgohamna in Spitzbergen gestar- tet. Schon für heutige Verhältnisse wirkt der Plan selbstmörderisch: ein Gasballon in der Arktis, gesteuert durch Schleppseile, denen die Aben- teurer in fatalem Optimismus vertrauten. Nathorst fand keine Hinweise auf die verschollene Expedition. Erst 1930 stiess ein Robbenfänger auf Kvitøya, nordöstlich von Spitzbergen, zufällig auf ihre Überreste: Lei- chen, Tagebücher, Fotografien. Ittoqqortoormiit: ein Ort als Politikum Wir erreichen die Siedlung Ittoqqortoormiit am Scoresbysund. Der nächstgelegene bewohnte Ort, Bolungarvik, liegt 484 Kilometer ent- fernt jenseits der Dänemarkstrasse auf Island. Der nächste Ort inner- halb Grönlands ist Sermiligaaq, 780 Kilometer weiter südwestlich im Distrikt Ammassalik. Etwas mehr als 300 Menschen leben heute in Ittoqqortoormiit, die meisten von ihnen Inuit. Viele arbeiten als Jäger und Fischer, eng verbunden mit Natur und Tradition. Itto ist Grönland aus dem Bilderbuch. Wir schlendern zwischen bunten Holzhäusern hindurch. Einst hatten ihre Farben eine klare Funktion: Gelb für Arzt und Krankenhaus, Rot für Kirchen und Schulen, Blau für Fabriken, Grün für Funk und Kommunikation. Heute streicht jeder, wie er möchte. So authentisch der Ort erscheint – er entstand aus politischem Kalkül. Anfang des 20. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung um Am- massalik, die Jagdgründe reichten nicht mehr für alle. Gleichzeitig er- hob Norwegen Anspruch auf die scheinbar menschenleeren Gebiete Ostgrönlands. Oslo war der Meinung, Dänemark könne kaum allein durch die Kolonialisierung der Westküste Souveränität über die ge- samte Insel beanspruchen, und untermauerte dies unter anderem mit der Errichtung der Wetterstation Myggbukta. Der Streit spitzte sich zu. 1924 entschied Dänemark zu handeln. Eine Delegation verliess Ko- penhagen, errichtete die neue Siedlung am Scoresbysund und suchte in Ammassalik nach Familien für einen Neuanfang. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Ein Umzug bedeutete Abschied, Unsicherheit, ein Leben in einer noch isolierteren Welt. Doch 85 Freiwillige wagten den Neubeginn. Ittoqqortoormiit wurde ihre dauerhafte Heimat, und ein Schritt zum Erfolg: 1933 sprach der Ständige Internationale Ge- richtshof ganz Grönland Dänemark zu. Heute kläffen am kleinen Bach festgekettete Schlittenhunde und war- ten ungeduldig auf ihre Fütterung. Bei der Wetterstation steigt pünkt- lich um 10 Uhr ein Ballon in den Himmel. Der Priester hat die Kirche für uns geöffnet, im Gemeinschaftszentrum wird Moschusochsen- fleisch angeboten, und einige Bewohner laden auf eine Tasse Tee in ihre Wohnzimmer. Im Supermarkt hängen Jagdgewehre zum Verkauf von der Decke. Im Tiefkühler darunter liegen Fischstäbchen und gefrorener „falscher Hase“, das dänische Nationalgericht, neben American-Style-Döner- Kebab-XL und Dr.-Oetker-Fertigpizzen. Für Zeiten, in denen die Jagd erfolglos bleibt oder der moderne Inuit-Magen nach Junkfood schreit. Scoresby Skyline Unser Schiff nimmt wieder Kurs auf die Wildnis. Immer mehr Eisber- ge ziehen an uns vorbei. Aus der Ferne wirken sie wie eine undurch- dringbare Wand. In der schimmernden Skyline steht die Oper von Sydney neben dem schiefen Turm von Pisa und den Pyramiden von Gizeh. Fantasie und Realität verschwimmen. Als sich der Himmel orange und rosa färbt, erreichen wir die Viking- bukta und steigen in die Zodiacs um. Am Ufer ragen gebogene, sechs- eckige Basaltsäulen auf, filigran wie die Architektur einer gotischen Kathedrale. Langsam manövrieren wir zwischen den haushohen Eis- bergen in die Bucht hinein. Der Scoresbysund funkelt noch einmal in allen Farben. Morgen erwartet uns der letzte Tag im grössten Fjordsystem der Welt: Wir werden den Spuren des dänischen Entdeckers Carl Ryder folgen, das Sydkap erkunden, weitere Eisberge bestaunen – einer schöner als der andere – und die uralten Felsen betrachten, die noch viele Ge- schichten vergangener Zeiten still bewahren. 22 POLARNEWS s h c u F a v E : d l i B